Matthias Luthardt zu Gast bei Katrin Bauerfeind, Berlinale 2008

Portrait in Le Monde 23.07.2007
Link zur Originalfassung des Artikels (Französisch)

Matthias Luthardt, freies Elektron des jungen deutschen Kinos

WIE Robert, der junge Pianist in seinem Film Pingpong, hat sich Matthias Luthardt lange Zeit einer Laufbahn als professioneller Musiker verschrieben. Es fehlte ihm jedoch an der nötigen Disziplin, und dann störte er sich an dem wahnsinnigen Ehrgeiz, der die meisten Jungmusiker in seiner Umgebung antrieb. Mit 22 Jahren gab er seine Musikerpläne auf. Er studierte Literaturwissenschaft an der Universität in Tübingen, dann verschlug es ihn nach Lyon. Und sein Leben nahm eine neue Wendung. Bis dahin war er so gut wie nie im Kino gewesen. Genauer gesagt, assoziierte er mit Film nur das, was in dem „süddeutschen Kaff“ im Kino gezeigt wurde, nämlich ausnahmslos Amerikanische Blockbuster. Wie so viele vor ihm, wird er in Frankreich vom Virus der Cinéphilie angesteckt. Statt zur Uni zur gehen, schaut er sich im Institut Lumière seine ersten Wenders-Filme an, seine ersten Fassbinder, seine ersten Godards, seine ersten Truffauts… Und er baut sich ein Pantheon von wenig orthodoxen Cineasten, in dem u.a. Claude Sautet, Theo Angelopoulos, Emir Kusturica und Lars von Trier eine zentrale Position einnehmen. Er ist beeindruckt vom Dekalog und schreibt seine Magisterarbeit im Fach Literaturwissenschaften über die Filme von Kieslowski.

Eine Frage des Überlebens

Matthias Luthardt ist jedoch noch nicht bereit, Filmemacher zu werden. Er schaut sich im Journalismus um, macht Praktika beim Radio, und bei dem Sender Arte… Die Vorstellung jedoch, sein Leben hinter einem Schreibtisch zu verbringen, beängstigt ihn, und das kreative Machen wird ihm zur existentiellen Aufgabe. Mit 27 beginnt er sein Regie-Studium an der Filmhochschule Babelsberg und realisiert dort einen Kurzspielfilm. „Das war ein Fragment einer längeren Geschichte. Ich war nicht zufrieden damit. Ich hatte Lust, entschieden weiter zu gehen.“ Um rascher produzieren zu können, wandte er sich dem Dokumentarfilm zu. „Weil ich so mit bescheideneren Mitteln eine noch komplexere Geschichte erzählen konnte. Ich hatte nicht die Geduld, auf die Finanzierung eines langen Spielfilms zu warten“. Er dreht einen Film über Paare, die ihre eigene Fernsehsendung für den Offenen Kanal produzieren. „Eine Tragikomödie über die Deutschen und die Banalität des Alltags“. Der Dokumentarfilm wurde ins Ausland verkauft, „aber in Deutschland“, erklärt er, „hat sich so gut wie keiner dafür interessiert“. Bei den Geldgebern, im speziellen den Fernsehsendern, hatte sein Langspielfilm Pingpong zunächst kaum mehr Erfolg. Keiner wollte eine Geschichte, die im Milieu des bildungsbürgerlichen Mittelstands spielt. „Zur Zeit sind vor allem Geschichten gefragt, die in den Vorstädten spielen, harte Sozialdramen. Aber ich bin stur. Ich wollte eine Geschichte erzählen über eine Welt, die ich gut kenne, eine in sich abgeschlossene, isolierte Welt“. Der Film wurde gemacht, und seit seinen Preisen in der Semaine de la Critique in Cannes hat er bis dato eine sehr schöne Festivalkarriere erlebt.
Matthias Luthardt kennt die jungen deutschen Filmemacher nicht persönlich, „die für sich das Label Berliner Schule reklamieren“. Er teilt mit ihnen „einen Willen, nicht allzu sehr zu sentimentalisieren. Aber im Gegensatz zu ihren Filmen ist mein Film nicht antipsychologisch und nicht antidramatisch“. Ein freies Elektron, in der Tat.

ISABELLE REGNIER

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